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# Medienmacht-Barometer - Eine interaktive Methode zur Reflexion digitaler Selbstbestimmung
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## Allgemeine Informationen
```die Tags dienen zur Orientierung für Nutzende ```
**Tags:**
* Thema: Selbstreflexion, Medienkritik, digitale Selbstbestimmung, Algorithmen, Machtverhältnisse
* Art der Methode: Aufstellung, Positionierungsübung
* Zielgruppe: Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, Sekundarstufe I und II
* Gruppengröße: 8-30 Personen
* Dauer der Methode: 50-75 Minuten
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:::warning
Diese Methode erfordert ausreichend Platz für die Aufstellung. Stellen Sie sicher, dass die Teilnehmenden sich frei im Raum bewegen können und dass eine ruhige, respektvolle Atmosphäre herrscht, in der alle ihre Meinungen äußern können.
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## Kurzbeschreibung
:::info
Das Medienmacht-Barometer ist eine aktivierende Positionierungsübung, bei der Teilnehmende ihre Einschätzung zur eigenen Handlungsmacht im digitalen Raum physisch darstellen. Die Methode macht unterschiedliche Perspektiven sichtbar und fördert die Reflexion über Machtverhältnisse in digitalen Medien.
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## Lernziele
:::info
* Teilnehmende reflektieren kritisch ihre persönliche Handlungsmacht im digitalen Raum
* Teilnehmende bekommen ein Bewusstsein für Machtverhältnisse in digitalen Räumen
* Teilnehmende erkennen Diskrepanzen zwischen subjektivem Gefühl und faktischer Lage
* Teilnehmende entwickeln konkrete, umsetzbare Handlungsstrategien
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## Rahmendaten
<div class="alert alert-info" role="alert">
**Zeit**: 50-75 Minuten
**Zielgruppe**: Kinder und Jugendliche
**Alter:** ab 12 Jahren
**Komplexität**: leicht
**Einordnung in Modulstruktur** - Einstieg
**Voraussetzungen**: keine
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### Vorbereitung der Methode
#### Setting des Lernraums
- [ ] braucht Platz zum Umherlaufen
- [ ] braucht Stuhlkreis
- [ ] braucht Tischinseln
**Raumvorbereitung:**
- Eine Linie wird auf dem Boden markiert (mit Klebeband oder Kreide)
- An einem Ende der Linie wird das Schild "Ich bestimme" platziert
- Am anderen Ende wird "Andere bestimmen" platziert
#### benötigtes Material und Technik
- [ ] Klebeband für eine Bodenlinie oder Kreidemarkierung
- [ ] Aussagenkarten mit den Positionierungsfragen
- [ ] Zwei Schilder: "Ich bestimme" und "Andere bestimmen"
- [ ] Moderationskarten in zwei Farben
- [ ] Stifte
- [ ] Pinnwand oder Tafel
#### Druckvorlagen
- [x] [Positionierungsfragen](https://oer.medialepfade.org/OER%20-%20ULAT%20%C3%B6ffentlich/Druckvorlagen%20OER/Druckvorlage%20Medienmachtbarometer/Positionierungsfragen-Medienmachtbarometer.pdf)
- [x] [Factsheet](https://oer.medialepfade.org/OER%20-%20ULAT%20%C3%B6ffentlich/Druckvorlagen%20OER/Druckvorlage%20Medienmachtbarometer/Factsheet%20zu%20Medienmachtbarometer.pdf)
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## Ablauf
#### Block 1 - Vorbereitung und Einführung
* *3 Minuten*
* *Input, Erklärung*
* *Instruktionen / Ablaufbeschreibung*:
Die Workshopleitung begrüßt die Teilnehmenden und erklärt die Methode. Die Linie mit den Polen "Ich bestimme" und "Andere bestimmen" wird vorgestellt und erläutert, dass es um die persönliche Einschätzung der eigenen Handlungsmacht im digitalen Raum geht.
* *Materialien und Links*:
Vorbereitete Linie auf dem Boden, Positionsschilder
* *Aufgabenstellung für die Teilnehmenden*:
"Bei dieser Übung geht es darum, wie viel Einfluss und Kontrolle wir in der digitalen Welt haben. Ich werde verschiedene Aussagen vorlesen. Überlegt, wie ihr das für euch persönlich einschätzt. Positioniert euch dann auf der Linie: Näher bei 'Ich bestimme', wenn ihr glaubt, dass ihr viel Kontrolle habt, oder näher bei 'Andere bestimmen', wenn ihr denkt, dass andere mehr Einfluss haben. Es gibt kein richtig oder falsch – es geht um eure persönliche Einschätzung."
* *Hinweise für die Workshopleitung*:
- Stellen Sie sicher, dass alle Teilnehmenden die Übung verstanden haben
- Betonen Sie, dass es keine richtigen oder falschen Positionen gibt
- Achten Sie auf eine offene, wertfreie Atmosphäre
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#### Block 2 - Positionierungsphase
* *10-20 Minuten*
* *Aktive Positionierung, Diskussion*
* *Instruktionen / Ablaufbeschreibung*:
Die Moderation liest nacheinander die Aussagen vor und gibt den Teilnehmenden Zeit, sich zu positionieren. Nach jeder Positionierung werden einige Teilnehmende gebeten, ihre Standpunkte kurz zu erläutern. Nach einigen persönlichen Einschätzungen fügt die Moderation kurze faktische Informationen hinzu. Teilnehmende können ihre Position verändern, wenn sie möchten.
* *Materialien und Links*:
Aussagenkarten, Factsheet
* *Aufgabenstellung für die Teilnehmenden*:
"Ich lese jetzt verschiedene Aussagen vor. Positioniert euch auf der Linie entsprechend eurer Einschätzung. Nach jeder Aussage werde ich einige von euch bitten, eure Position kurz zu erklären."
* *Hinweise für die Workshopleitung*:
- Lesen Sie die Aussagen langsam und deutlich vor
- Geben Sie den Teilnehmenden genügend Zeit, sich zu positionieren
- Achten Sie darauf, dass verschiedene Teilnehmende zu Wort kommen
- Ergänzen Sie nach 2-3 Wortmeldungen faktische Informationen aus dem Factsheet
- Mögliche Positionierungsfragen mit Fakten:
1. **Ich entscheide selbst, welche Inhalte ich in meinem Social Media Feed sehe.** (Fakten: Algorithmen bestimmen 70-90% der Inhalte, die Nutzer*innen sehen)
2. **Ich kann beeinflussen, welche Daten Apps und Plattformen über mich sammeln.** (Fakten: Selbst bei strengsten Privatsphäre-Einstellungen werden ca. 30-40% der möglichen Daten gesammelt)
3. **Meine Meinung und meine Beiträge haben Einfluss in sozialen Netzwerken.** (Fakten: Nur etwa 1% der Nutzer*innen erreicht regelmäßig eine große Reichweite)
4. **Wenn ich eine App oder ein Spiel nutze, weiß ich genau, wofür ich meine Zeit gebe.** (Fakten: Apps sind oft bewusst so designt, dass Nutzer*innen länger bleiben als geplant)
5. **Ich kann meine eigenen Daten jederzeit von Plattformen löschen lassen.** (Fakten: Trotz "Recht auf Vergessenwerden" bleiben viele Daten in Backups und bei Drittanbietern gespeichert)
6. **Die Benachrichtigungen auf meinem Handy kontrolliere ich selbst.** (Fakten: Viele Apps nutzen psychologisch optimierte Benachrichtigungsstrategien, um Nutzer*innen zurückzuholen)
7. **Ich bestimme selbst, wie viel Zeit ich mit digitalen Medien verbringe.** (Fakten: Durchschnittlich verbringen Jugendliche 58% mehr Zeit online als sie eigentlich geplant hatten)
8. **Ich weiß, wer meine Beiträge und Nachrichten alles sehen kann.** (Fakten: Beiträge können oft durch Teilen, Screenshots oder Datenlecks weiter verbreitet werden als beabsichtigt)
9. **Ich verstehe, warum mir bestimmte Werbung angezeigt wird.** (Fakten: Werbealgorithmen nutzen oft über 300 verschiedene Faktoren zur Personalisierung)
10. **Ich kann frei entscheiden, welche digitalen Dienste und Plattformen ich nutze.** (Fakten: Soziale Faktoren, Netzwerkeffekte und fehlende Alternativen schränken die Wahlfreiheit stark ein)
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#### Block 3 - Zwischenreflexion
* *10 Minuten*
* *Plenumsdiskussion, Reflexion*
* *Instruktionen / Ablaufbeschreibung*:
Nach der Positionierungsrunde erfolgt eine kurze Reflexion im Plenum. Die Moderation leitet das Gespräch anhand vorbereiteter Leitfragen und fördert den Austausch über Erkenntnisse aus der Positionierungsphase.
* *Materialien und Links*:
Pinnwand/Flipchart zur Dokumentation von Kernpunkten (optional)
* *Aufgabenstellung für die Teilnehmenden*:
"Lasst uns kurz gemeinsam über die Übung nachdenken. Bei welchen Aussagen waren die Meinungen besonders unterschiedlich? Hat euch eine bestimmte Position oder Begründung überrascht? Wo habt ihr eure Position nach den Fakten verändert? Wo gibt es die größten Unterschiede zwischen eurem Gefühl und der Faktenlage?"
* *Hinweise für die Workshopleitung*:
- Achten Sie auf eine ausgewogene Beteiligung aller Teilnehmenden
- Notieren Sie besonders interessante Erkenntnisse
- Machen Sie Verbindungen zwischen verschiedenen Aussagen und Perspektiven sichtbar
- Arbeiten Sie Kernpunkte heraus, die in die nächste Phase einfließen können
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#### Block 4 - Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten
* *20 Minuten*
* *Kleingruppenarbeit, kreative Entwicklung*
* *Instruktionen / Ablaufbeschreibung*:
Teilnehmende werden in Kleingruppen von 3-4 Personen eingeteilt. Jede Gruppe erhält leere Moderationskarten in zwei Farben: Eine Farbe für Handlungsmöglichkeiten auf individueller Ebene und eine andere Farbe für Handlungsmöglichkeiten auf gesellschaftlicher/politischer Ebene. Die Gruppenarbeit gliedert sich in drei Phasen: Brainstorming, Konkretisierung und Vorstellung.
* *Materialien und Links*:
Moderationskarten in zwei Farben, Stifte, Pinnwand
* *Aufgabenstellung für die Teilnehmenden*:
"Findet in euren Kleingruppen konkrete Handlungsmöglichkeiten, wie ihr mehr Kontrolle über eure digitalen Erfahrungen gewinnen könnt. Nutzt die grünen Karten für persönliche Handlungsmöglichkeiten ('Was kann ich selbst tun?') und die blauen Karten für gesellschaftliche/politische Veränderungen ('Was müsste sich gesellschaftlich ändern?'). Formuliert eure Ideen nach dem SMART-Prinzip: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert. Ein Beispiel wäre: 'Ich überprüfe jeden Sonntag für 10 Minuten meine Privatsphäre-Einstellungen auf meinen Top-3-Apps und passe sie bei Bedarf an.'"
* *Hinweise für die Workshopleitung*:
- Erklären Sie das SMART-Prinzip in einfachen Worten und mit Beispielen
- Phase 1 (7 Min.): Brainstorming - Sammeln möglichst vieler Ideen
- Phase 2 (7 Min.): Konkretisierung - Auswahl und Ausformulierung der 2-3 wichtigsten Handlungsmöglichkeiten
- Phase 3 (6 Min.): Vorstellung - Jede Gruppe präsentiert kurz ihre wichtigsten Handlungsmöglichkeiten
- Clustern Sie ähnliche Vorschläge an der Pinnwand
- Achten Sie auf die Balance zwischen individuellen und strukturellen Handlungsmöglichkeiten
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#### Block 5 - Abschluss und Transfer
* *10 Minuten*
* *Plenum, Reflektion, persönlicher Transfer*
* *Instruktionen / Ablaufbeschreibung*:
Zum Abschluss werden die gesammelten Handlungsmöglichkeiten kurz zusammengefasst. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen individuellen und gesellschaftlichen Ansätzen werden herausgearbeitet. Für den persönlichen Transfer wählt jede*r Teilnehmende eine konkrete Handlungsmöglichkeit aus, die er*sie in den nächsten Wochen ausprobieren möchte. Optional kann dieser Vorsatz auf einer Karte notiert werden, die mitgenommen wird. Die Methode endet mit einem kurzen Abschlussblitzlicht.
* *Materialien und Links*:
Kleine Karten zum Mitnehmen (optional)
* *Aufgabenstellung für die Teilnehmenden*:
"Überlegt euch eine konkrete Handlungsmöglichkeit aus unserer Sammlung, die ihr in den nächsten Wochen ausprobieren möchtet. Wenn ihr möchtet, könnt ihr diesen Vorsatz auf einer Karte notieren und mitnehmen. Zum Abschluss teilt bitte kurz mit: Was nehmt ihr aus dem Workshop mit?"
* *Hinweise für die Workshopleitung*:
- Fassen Sie die wichtigsten Erkenntnisse zusammen
- Betonen Sie die Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten
- Ermutigen Sie zu realistischen, aber wirksamen Vorsätzen
- Halten Sie das Abschlussblitzlicht kurz und prägnant
- Danken Sie für die aktive Teilnahme
- Stellen Sie ggf. weiterführende Ressourcen zur Verfügung
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### Variationen im Ablauf
<div class="alert alert-info" role="alert">
**Zeitliche Anpassung:** Bei Zeitknappheit kann die Anzahl der Positionierungsfragen reduziert werden. Wählen Sie die 5-6 relevantesten Fragen für Ihre Zielgruppe aus.
**Thematische Fokussierung:** Je nach Schwerpunkt des Workshops können die Positionierungsfragen angepasst werden, z.B. mehr Fokus auf soziale Medien, Gaming oder Datenschutz.
**Altersgerechte Anpassung:** Für jüngere Teilnehmende (12-14 Jahre) können die Fakten vereinfacht und die SMART-Methode durch einfachere Leitfragen ersetzt werden.
**Erweiterung um mediale Dokumentation:** Die Positionen und Diskussionen können fotografisch oder per Video dokumentiert werden, um sie später im Unterricht zu reflektieren.
**Integration digitaler Tools:** Die Handlungsmöglichkeiten können in einem gemeinsamen digitalen Padlet gesammelt werden, das auch nach dem Workshop zugänglich bleibt.
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### Theoretischer Hintergrund
<div class="alert alert-info" role="alert">
Die Methode verbindet Elemente der kritischen Medienanalyse mit handlungsorientierter Medienpädagogik.
In der digitalen Welt besteht ein komplexes Spannungsfeld zwischen individueller Handlungsmacht und strukturellen Einschränkungen. Während digitale Medien einerseits neue Möglichkeiten der Teilhabe und Gestaltung bieten, werden Nutzer*innen andererseits durch kommerzielle Interessen, Algorithmen und technische Infrastrukturen in ihren Handlungsspielräumen begrenzt.
Das Medienmacht-Barometer macht dieses Spannungsfeld erfahrbar und regt zur kritischen Reflexion an. Es orientiert sich an Dieter Baackes Konzept der Medienkompetenz, das neben der Medienkritik auch die Dimension der Mediengestaltung umfasst. Die Methode zielt darauf ab, nicht nur eine kritische Haltung zu fördern, sondern auch konkrete Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Die Positionierungsübung als methodisches Element ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und ins Gespräch zu bringen. Die körperliche Darstellung von Meinungen und Einschätzungen aktiviert die Teilnehmenden und macht abstrakte Konzepte wie "digitale Selbstbestimmung" greifbar.
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### Weiterführende Ressourcen
<div class="alert alert-info" role="alert">
- Projekt [DataSkop](https://dataskop.net/medienbildung-lernszenarien-datenspendeprojekte/): Lernmaterialien zu Daten und Algorithmen
- [Klicksafe: Materialien zur Medienkompetenz](https://www.klicksafe.de/materialien)
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### Lizenz
Diese Methodenbeschreibung steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 mediale pfade / Universität zu Köln und darf entsprechend geteilt und adaptiert werden.
###### <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><img alt="Creative Commons Lizenzvertrag" style="border-width:0; float:left; margin:12px" src="https://i.creativecommons.org/l/by/4.0/88x31.png" /></a><br/><span xmlns:dct="http://purl.org/dc/terms/" property="dct:title"> Das dieser Veröffentlichung zugrunde liegende Vorhaben wurde mit Mitteln der [Volkswagenstiftung](https://www.volkswagenstiftung.de/de) gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autor*innen. Die Methoden wurden im Rahmen des Projektes "[unlearning antifeminism on TikTok](https://www.antiantifeminism.org/)" von der [Universität zu Köln](https://www.uni-koeln.de/) in Kooperation mit [medialepfade.org](https://medialepfade.org/) entwickelt, namentlich Jun.-Prof. Dr. Michaela Kramer, Jun.-Prof. Dr. Franziska Bellinger, Christian Noll, Lara Niederberger, Lou Huber-Eustachi, Katrin Hünemörder, Sophie Leubner. Das Material „OER | UNLEARNING ANTIFEMINISM ON TIKTOK. Exploratives Methodenset zur Prävention von Antifeminismus auf TikTok“ ist lizensiert unter einer <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz</a> by [Universität zu Köln](https://www.uni-koeln.de/) / www.medialepfade.org. D.h. das Werk darf sowohl für nicht-kommerzielle als auch für kommerzielle Zwecke verbreitet und verändert werden, sofern der Urheber des Originals wie oben beschrieben genannt wird. Unbedingt zu beachten ist: Von der CC-Lizenz ausgenommene Materialien sind in den hier veröffentlichten Bildungsmaterialen durch entsprechende Hinweise gekennzeichnet.