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# Digitale Mündigkeit als Teil von Bildung für nachhaltige Entwicklung **Christine Kolbe | medialepfade.org – Verein für Medienbildung e.V.** CC-BY 4.0 ## Einleitung - ein Blick auf die SDG's <div class="pull-left"> ![](https://pad.medialepfade.net/uploads/upload_7e1ed96080e0acd1be89154022716411.jpg =350x) </div> Um die Bedeutung von digitaler Mündigkeit für das Bildungsziel Nachhaltige Entwicklung zu verstehen, ist es hilfreich, zunächst auf das [Konzept der 17 globalen Entwicklungsziele (SDGs - Sustainable Development Goals)](https://de.wikipedia.org/wiki/Ziele_f%C3%BCr_nachhaltige_Entwicklung) zu schauen. Es zeigen sich zwei Anschlüsse: um die mit den Zielen bezeichneten gesellschaftlichen Herausforderungen zu erreichen, geht es nicht ohne soziale Innovationen und gesellschaftliche Transformation. Dass dies ohne den Rückgriff auf digitale Infrastrukturen und Potenziale digitalen Handelns und Gestaltens zu erreichen ist, scheint mit Blick auf die mediale Prägung und Durchdringung moderner Gesellschaften undenkbar. Zweitens verweist auch das [Ziel 4 - Qualität in der Bildung](https://nachhaltigkeit.bvng.org/die-globalen-ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/sdg-ziel-4-qualitaet-in-der-bildung/) direkt auf den Erwerb auch digitaler Kompetenzen: Eine ”inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung " und die "Möglichkeiten lebenslangen Lernens" kann nur auf der Grundlage einer Bildungspraxis gewährleistet werden, mit der sich der Lernende mündig im digitalen Raum bewegt. Für beide Aspekte – die direkte inhaltliche Bezugnahme auf nachhaltiges Handeln und die kompetenzbasierte Sichtweise auf nachhaltige Bildungsansätze – ist es wichtig, digitale Mündigkeit als Kompetenzerfordernis und zentrale Zielstellung von Medienbildung überhaupt zu kennen. ## Vier Spannungsfelder im Digitalen Der Ruf nach digitaler Mündigkeit, gründet sich in vier Spannungsfeldern, die in modernen digitalen Räumen und ihren angeschlossenen Handlungsweisen vorkommen. Moderne Lebenswelten, die von digital-gestützten und vernetzten Möglichkeiten der Begegnung und Kommunikation durchzogen sind, bewegen sich in einer fundamentalen **Spannung zwischen Identität und Privatheit**: Die Frage, was ich an welchem Ort, für wen und zu welchem Zweck über meine Persönlichkeit darstelle, begleitet gerade junge Menschen engmaschig im Alltag. Das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit hat sich im digitalen Zeitalter, besonders in den letzten zehn Jahren, durch lebensweltliches Handeln auf digital-vernetzten Plattformen grundlegend verschoben. Der Erwerb adäquater Kompetenzen und die Schaffung Orientierung gebender Strukturen ist hier ohne Frage auch für den Bildungsbereich ein dringender Appell. **Ein zweites Spannungsfeld lässt sich mit Eigentum im Digitalen beschreiben**. Der Umgang mit geistigen Werken muss vor dem Hintergrund digitaler Möglichkeiten, wie der unendlichen Kopie ohne Qualitätsverlust oder der Möglichkeit, Werke ohne nennenswerten Zeitaufwand global zu teilen, neu verhandelt werden. Hierunter fallen Fragen des Urheberrechts, des Respekts für intellektuelle Werke, aber auch der Umgang mit freiem Wissen und die Stärkung einer Kultur, in der wir geistiges Eigentum gemeinsam nutzen. Ein drittes Spannungsfeld, das sich im Digitalen auftut und wie wir es gerade in den letzten Jahren in Politik und ihren Prozessen von Machtverlust und -verschiebung sehr deutlich erleben, ist die **Frage der Glaubwürdigkeit von Informationen**. Hier geht es um die Sensibilisierung für Herkunft, Zusammensetzung und Entstehung von Wissen und Nachrichten und das mündige Erkennen von Falschnachrichten. Das **vierte Spannungsfeld möchte ich mit den Begriffen Partizipation und Zugang** umschreiben. Sich in digitalen Communities frei und sinnvoll zu bewegen, ihre Umgangsform zu beherrschen, muss gelernt und eingeübt werden. Auch der umfassende Zugang zu Bereichen, die gerade mit Blick auf Kinder und Jugendschutz im vordigitalen Zeitalter deutlicher zugangsbeschränkt waren, muss klar geregelt werden. Zusätzlich braucht es Kompetenzen für Selbstschutz und seelische Unversehrtheit – wenn wir etwa an den Zugang zu Pornografie und Gewaltdarstellungen denken, die nur noch einen Mausklick vom Kind entfernt sind. ## Chancen und Möglichkeiten der digitalen Transformation Die angesprochenen Spannungsfelder sind seit vielen Jahren im Blick umfassender Bildungskonzepte im Sinne des Jugendmedienschutzes sowie verantwortungsvoller, kreativer Akteure und gelungener Strategien der Medienkompetenzentwicklung. In den erfolgreichsten pädagogischen Ansätzen, die sich mit dem Kompetenzerfordernis digitaler Mündigkeit auseinandersetzen, spielen auch die Chancen und Möglichkeiten der digitalen Transformation eine zentrale Rolle. Hier ist, auch wenn es trivial erscheinen mag, die grundsätzliche Multimedialität des digitalen Formats das ausschlaggebende Prinzip: so umfänglich wie niemals zuvor, dabei auch komplexer und lückenloser als in analogen Wissens- und Kommunikationskulturen, können in digital-gestützten Netzwerken verschiedene Formate miteinander verbunden werden. Ein zentrales Merkmal ist die Entstehung neuer, oftmals sehr kreativer Räume, ja Welten, in denen nicht nur Text, sondern auch Bewegtbild und Audio, Datenbanken und durch Hypertext nicht-linear verknüpfte Ausdrucksformen ineinandergreifen. Dies verändert auch Genese und Weitergabe von Wissen fundamental. Lernräume und Lernprozesse werden vielfältiger. Als weitere Chance der digitalen Transformation muss auch der große Bereich frei zugänglichen Wissens gelten, der besonders durch technische Lösungen für gleichberechtigte Zugänge vorangetrieben wurde. Durch die Anbindung an das Internet ganz allgemein, ist für einen großen Teil der globalen Weltgemeinschaft der Zugriff auf unermessliche Ressourcen an Wissen und Informationen möglich. Konkrete Beispiele sind etwa die Erfolgsgeschichte der Wikipedia, die öffentlichen Zugänge zu Universitätsbibliotheken oder auch Formen des Edutainments wie sie auf YouTube mit sehr individuellen, darum aber nicht weniger wertvollen, Wissensspenden denjenigen zur Verfügung stehen, die Zugang zum Internet haben - und das inzwischen oftmals in der Hosentasche! Auch die hiermit unmittelbar in Zusammenhang stehende Kultur des Teilens sollte als eine zentrale Entwicklung der digitalen Transformation besonders hervorgehoben werden. Mit Blick auf kollaborative Praktiken, einer proaktiven Haltung, geistige Werke unter offenen Lizenzen, zur Verfügung zu stellen und damit etwas an die Gemeinschaft abzugeben, ist ein spannendes postmodernes Phänomen: Nachdem die Open-Source Bewegung im Softwarebereich seit den 1980er-Jahren den Auftakt machte, ist diese Haltung mittlerweile in allen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen zu finden. Zu denken ist an offene Ressourcen in Museen, Bibliotheken und Galerien, offene Datensätze oder auch im Bildungsbereich, die Open Educational Resources (OER). Solche Praktiken, in denen offenes Wissen und Kollaboration zusammengebracht werden, können große Wirkung für gesellschaftliche Teilhabe bedeuten und den Zusammenhalt stärken. Ein schönes Beispiel hierfür ist die www.wheelmap.org, die basierend auf offenem Kartenmaterial (aus der Open Street Map) die Möglichkeit bietet, Orte nach dem Kriterium der Barrierefreiheit zu bewerten. Entstanden ist hier eine starke Community, die sich für Menschen einsetzt, die etwa auf einen Rollstuhl angewiesen sind. ## Medienbildung - ein paar allgemeine Gedanken Angesichts der Spannungsfelder, Herausforderungen, Risiken und Möglichkeiten digitaler Welten, möchte ich an dieser Stelle einige allgemeine Überlegungen zum Thema Medienbildung an Schule skizzieren, wie sie aus unserer praktischen Arbeit bei mediale pfade und zahlreichen Projekten zusammengekommen sind. Medienbildung im schulischen wie auch im außerschulischen Bereich gelingt, wenn sie kreativ, handlungsorientiert und konstruktiv-kritisch gedacht wird. Es ist wichtig, dabei jungen Menschen in ihren digitalen Lebenswelten und Handlungsweisen im Digitalen ernst zu nehmen und ihnen wertschätzend zu begegnen. Mit Blick auf die zentrale Bedeutung der Schulbiografie ist es wichtig und sinnvoll Medienbildung neben außerschulischen Angeboten in besonderem Maße systematisch und didaktisch zu verankern und das vielschichtige Spektrum an Themenfeldern, Kompetenzen und gesellschaftlichen Fragestellungen in Unterrichtsgestaltung mit einzubinden. Gleichzeitig muss eine Didaktik, die auf Medienbildung fokussiert, offen gegenüber den rasanten Dynamiken technologischer Entwicklungen bleiben. In oftmals sehr kurzen Zeitintervallen treten Technologien und Praktiken in digitale jugendliche Lebenswelten ein, welche komplett neue Handlungsspielräume ermöglichen, damit aber auch nach neuer Orientierung verlangen. Bei aller curricularer Verankerung muss also immer Freiraum für Austausch, Inspiration und Weiterentwicklung bleiben. Auch ist es sinnvoll, im Bereich Medienbildung noch einmal sehr genau auf das Rollenverständnis der Lehrenden zu schauen. Weil der Lerngegenstand ‒ digitale Welten, digitale Handlungsweisen ‒ einem stetigen Wandel unterworfen ist und sehr vielfältig wahrgenommen werden kann, ist es gut, wenn sich Lernbegleiter\*innen grundsätzlich als Mit-Lernende verstehen. Neugier und Offenheit gegenüber den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sind generell eine gute Leitlinie zeitgemäßer Pädagogik. Unmittelbar dazu gehört sicherlich auch eine bewusste Fehlerkultur, sowie eine gewisse Resilienz und Gelassenheit etwa gegenüber technischen Pannen und Unvorhergesehenem in der Lehrsituation selbst. Gemeinsam mit der Lerngruppe ausprobieren, dabei auch Kontrolle abgeben und dennoch mit einem klaren Fahrplan didaktisch stringent steuern, kann Medienbildung im Unterricht zu einer wertvollen Erfahrung machen. Medienkompetenzen bereits bei sehr jungen Kindern zu stärken, verlangt Anschlüsse in allen Fächern, um den Umgang mit verschiedenen Medien und medialen Praktiken auch kritisch zu reflektieren und Verhaltensweisen in digitalen Räumen gezielt einzuüben. So kann es auch im Präsenzunterricht zielführend sein, auf digitale Lehr- und Lernmaterialien und Online-Werkzeuge zurückzugreifen, um übergeordnete Fragestellung der Medienbildung wie etwa Bildrechte, Passwortschutz, Datensparsamkeit und Persönlichkeitsrechte plastisch zu thematisieren. Ein solches zunehmend selbstverständliches Lehren und Lernen mit digital gestützten Werkzeugen und Praktiken schafft die wichtige Möglichkeit, mit den Schülerinnen und Schülern auch immer wieder über die Tiefenstruktur post-digitaler Lebenswelten ins Gespräch zu kommen und Medienbildung passiert dann auf diese Weise gewissermaßen nebenbei. Dabei braucht es didaktisch-methodische Setzung ‒ eine zielgruppengerechte und anlassbezogene Auswahl, fundierte Einführungen und kritische Reflektion auf begleitende Praktiken im Digitalen wie Datensicherheit, seelische Gesundheit und Verhalten in kollaborativen Zusammenhängen. Das [*Basiscurriculum Medienbildung für Berlin Brandenburg* ](https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/rlp-online/b-fachuebergreifende-kompetenzentwicklung/basiscurriculum-medienbildung/bedeutung)umschreibt dahingehend als fachübergreifende Kompetenzentwicklungsstrategie ein sehr gelungenes und zeitgemäßes Verständnis von Medienbildung. Es rahmt einen pädagogisch gesteuerten Prozess des kritischen Umgangs, zielt aber auch auf die konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit lebensweltlichen Medien. Gelehrt werden soll nicht einseitig über Medien im Sinne von Aufklärung, Risikowarnung und Verboten, sondern als ganzheitliches verständiges Erforschen, Ausprobieren, Selbermachen und Reflektieren. ## Orientierungs- und Handlungsrahmen BNE Wenn wir an dieser Stelle noch einmal genauer auf den [Orientierungs- und Handlungsrahmen für das übergreifende Thema "Nachhaltige Entwicklung/Lernen in globalen Zusammenhängen"](https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/rlp-online/b-fachuebergreifende-kompetenzentwicklung/nachhaltige-entwicklunglernen-in-globalen-zusammenhaengen) schauen, werden die Möglichkeiten für eine gelungene Verzahnung und Integration von digitaler Mündigkeit deutlich. Der Handlungsrahmen zielt auf einen fächerübergreifenden Kompetenzkatalog und inhaltliche Ziel- und Entwicklungsdimensionen. Auch Bildung für nachhaltige Entwicklung wird also als Querschnittsthema gedacht, der das Arbeiten im Unterricht und im Ganztag prägen soll. Schülerin und Schüler sollen lernen, gemeinsam aktiv und verantwortungsbewusst an lokalen und globalen gesellschaftlichen Entwicklungen teilzuhaben und dabei nach den Kriterien der Nachhaltigkeit zu denken und zu handeln. Den Anspruch, das vierte globale Entwicklungsziel einzulösen und die Verantwortung der Agenda 2030 ernst zu nehmen und im deutschen Bildungssystem zu realisieren, also einen Unterricht zu entwickeln und zu gestalten, der Schülerinnen und Schüler vor dem Hintergrund einer großen Transformation dazu befähigt, breite interdisziplinäre und globale Zusammenhänge zu erfassen und nach Nachhaltigkeitskriterien einzuordnen, ist herausfordernd. Handlungsoptionen und Formen der Mitbestimmung zu ermitteln und zu verfolgen ist anspruchsvoll und erfordert fächerübergreifende und fächerverbindende Konzepte sowie Raum für Projektlernen und vielfältige Verankerungen im schulischen Alltag. Auch das Lernen an anderen Orten und Kooperationen mit gesellschaftlichen Akteuren spielt hier noch einmal eine herausragende Rolle. ## BNE und Medienbildung - Synergien für zeitgemäße Bildung Bereits der Blick auf die jeweils zentralen Kompetenzfelder zwischen BNE und Medienbildung verweist auch auf die Synergien für zeitgemäßes Lehren und Lernen: Die drei Kernkompetenzen Erkennen, Handeln und Bewerten im Schnittfeld der unterschiedlichen Handlungsfelder Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt zeigt unmittelbare Anschlüsse und Überschneidungen an die sechs zentralen Medienkompetenzen Informieren, Kommunizieren, Analysieren, Reflektieren, Produzieren, und Präsentieren. Beide Querschnittsthemen hängen also eng zusammen bzw. können füreinander fruchtbar gemacht werden und in beide Richtungen Wirkungen entfalten. Es sind im Grunde dieselben Kompetenzen, die auch als Zukunftskompetenz beschrieben werden und die Fähigkeit bezeichnen, eine nachhaltige zukunftsfähige und gerechte Welt zu gestalten. Medien als Orte der gesellschaftlichen Vermittlung, als Orte demokratischer Prozesse, des Austauschs, des Streits und der politischen Gestaltung, aber auch die Infrastruktur, mit der soziale Innovation gelingen kann, stehen im Mittelpunkt und sind mit der post-digitalen Gesellschaft tief verwoben. ### Kommunikation und Teilhabe Für die Teilhabe an der Ausgestaltung einer zukunftsfähigen Welt in allen Themenfeldern, ist ein sicherer Umgang mit Medien und ihren Technologien unerlässlich. Der Einblick in die Mechanismen von Kommunikation, Manipulation und den Möglichkeiten Freiheiten auch einzuschränken ist zentral für verantwortungsvolles nachhaltiges Handeln. Kompetenzen für digitale Mündigkeit und Souveränität ermöglichen Kindern und Jugendlichen zudem zentrale Gestaltungsräume im Angesicht der globalen Herausforderungen. Für ökologische Entscheidung und Lösungen etwa, müssen Informationsquellen kritisch bewertet und eingeordnet werden - die Kompetenz, an vertrauenswürdiges Faktenwissen zu kommen spielt eine zentrale Rolle. Auch die Fähigkeit Informationen, etwa Datenvisualisierung, auslesen zu können, und in neue sinnvolle Zusammenhänge zu bringen ist ein elementarer Bestandteil digitaler Mündigkeit und zugleich zentrale Kompetenz, um Sachverhalte im Sinne der Nachhaltigkeit zu bewerten und entsprechend zu Handeln. Auch der Umgang mit wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrisemacht dies deutlich, etwa wenn man auf die immer wieder dominierenden Stimmen im Diskurs schaut, die diese Fakten in Frage stellen und wissenschaftliche Evidenzen nicht anerkennen. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Medienkompetenz im Sinne digitaler Mündigkeit in einer Mediengesellschaft die grundlegende gesellschaftliche Kompetenz überhaupt ist. Eine stabile offene digitale Gesellschaft kann auch den globalen und lokalen Herausforderungen nach den Kriterien der Nachhaltigkeit begegnen. Gerade in den letzten Jahren ist zu beobachten, dass digitale Infrastrukturen einen globalen kritisch-reflexiven Austausch und weltumspannende Kommunikation über die oben genannten Phänomene und ihre negativen Folgen befördern. Die gemeinsame Verständigung auf Ziele und Veränderungen in Richtung einer nachhaltig organisierten Welt profitiert also auch von der digitalen Transformation. Die Agenda 2030 selbst ist ein eindrückliches Beispiel: die Ausarbeitung der globalen Nachhaltigkeitsziele in 2016 fand in weiten Teilen als digital organisierter, gesellschaftlicher Diskurs in allen Regionen der Erde statt, in einem zuvor so noch nie dagewesenen Ausmaß. Und auch im zivilgesellschaftlichen Bereich erleben wir eine starke Durchdringung und Verstärkung von Bewegungen durch digitale Technologien. Wir können von einem digital-gestützten zivilgesellschaftlichen Engagement sprechen. Als zentrales Beispiel hierfür möchte ich die #FridaysForFuture-Bewegung hervorheben, die ausgehend von einer Schülerin um die Welt geht und neben medialer, mittlerweile auch politische Resonanz findet. Nicht nur über das Protestinstrument, den Schulstreik, ist die Bewegung unmittelbare mit Schule und Schüler\*innen als Hauptakteuren verknüpft. Für den Zusammenhang von Digitalität und Nachhaltigkeit ist elementar, dass sie fundamental von sozialen digitalen Netzwerken, ihren Praktiken des Aufmerksamkeitsmanagements und im Bereich Mobilisierung und Organisation auch durch Messenger-Dienste wie WhatsApp und Co. getragen wird. Dies zeigt: Gerade junge Menschen sind in der Lage, ihre digitalen Räume kreativ-kompetent und auch mündig politisiert zu nutzen. Diese oftmals von Erwachsenen diskreditierten lebensweltlichen Bereiche generieren sich als zentrale Orte, um für Werte und Ziele einzustehen. Sie sind das Grundgerüst im globalen Kampf für eine ökologisch gerechtere und nachhaltigere Welt ‒ die Chancen, zumindest gehört zu werden, stehen für diese und ähnliche Bewegung nicht schlecht. Solche Beispiele machen nicht nur Mut, sondern sind auch in besonderem Maße hilfreich, das Thema Medienbildung an Schule und Bildung für nachhaltige Entwicklung zusammenzudenken und in konkreten Konzepten zur verzahnen. ### Open Education - offene Zugänge Einen weiteren bedeutsamen Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit zeigt sich im Bereich des offenen Wissens oder der Open Education: Der Gedanke, Wissen global und offen als Gemeingut zu organisieren ist an sich nachhaltig. Es wird offen dokumentiert und arbeitsteilig zum sogenanntes Nachhaltigkeitswissen. Auch in der Bildung sollte es darum gehen, offene Zugänge zu diesen Archiven und Wissensressourcen zu gewährleisten. Denn der Zugriff etwa auf wissenschaftliche Daten ist sowohl für individuelle Lernprozesse als auch für die Schritte Analyse, Urteilen und Problemlösung unabdingbar. Open Educational Resources (abgekürzt OER) haben sich als zentraler Bestandteil einer digitalisierten Welt etabliert ‒ eine Wissensallmende, die in diesem Ausmaß nur durch digital vernetzte Infrastrukturen möglich und zugleich mit einer zivilgesellschaftlichen Praxis verbunden ist. Auch diese Kultur des Teilens ist im globalen Ausmaß nur im digitalen Zeitalter möglich, was wiederum Auswirkung auf die globale Verständigung hat: sich etwa im Sinne der Nachhaltigkeitsziele zu organisieren, Aufmerksamkeit zu generieren Wissen zusammenzutragen Argumente zu stärken, kann über offene Strukturen Open Source Tools, das freie Netz und soziale Medien gelingen. ### Sachzusammenhänge zwischen Globalisierung und Digitalisierung Auch auf der Inhaltsebene ist das Konzept der Nachhaltigkeit – seine Sachzusammenhänge, Werte, Kriterien und Herausforderungen – eng mit dem rasanten technologischen Fortschritt verknüpft. Digitale Infrastrukturen ermöglichen und beschleunigen Globalisierung und die hiermit zusammenhängenden bekannten negativen Auswirkungen: globaler Handel und Warenverkehr, weltumspannende Produktionsketten ‒ all dies wäre ohne digitale Technologien nicht denkbar. Digitalität ist ein Faktor für nicht-nachhaltiges Wirtschaften und Handeln, für Ausbeutung, Umweltzerstörung und Klimakrise und verstärkt globale Ungerechtigkeiten. Daher sollte auch die Reflektion auf Lebensweisen, die in allen Bereichen zunehmend auf digitale Technologien setzen, im Zuge der Medienbildung immer wieder Raum erhalten. Das Stichwort kritischer Konsum ist hier leitend. Schule sollte Ort und Anlass sein, immer wieder im Sinne nachhaltigen Konsums auch über die für Nutzung fossiler Ressourcen ins Gespräch und ins Denken zu kommen, über ihre Vernutzungszyklen, Entsorgung oder auch: Wiederverwertung, Reparatur und Verzicht. ## Praxisbeispiele Hieran unmittelbar anknüpfend möchte ich auf zwei Praxisbeispiele eingehen, die wir bei mediale pfade in den letzten Jahren entwickelt haben und sich auch für den Einsatz im schulischen Kontext eignen bzw sich auf Schule beziehen. Sie sind sowohl im Bereich Medienbildung als auch im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung anzusiedeln. Das [***FUTURE MONSTER LAB***](https://medialepfade.org/projekt/4451/) ist ein Projekt für Grundschüler\*innen zu pädagogischem Making, Umweltlernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Aus alten Elektrogeräten und Verpackungsmüll werden Zukunftsmonster gebaut, die auf drängende Umweltfragen wie Mikroplastik, Erderwärmung oder Artensterben antworten. Mit einfachen Stromkreisen werden die Monster zum Leben erweckt: bunte LEDs, Motoren und Schalter verleihen den Botschaften der Kinder Nachdruck. Neben ersten Schritten in Elektronik geht es um die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen (Umwelt) und um die Sensibilisierung für nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen. Es umfasst ein vielfältiges didaktisches Konzept und verschieden Methoden und eignet sich besonders für mehrere Projekttage, die aber auch gut mit Regelunterricht verzahnt werden können. Entstanden ist das Konzept im Rahmen eines Modellprojekts und der groß angelegten europäischen Initiative [*DOIT - Entrepreneurial skills for young social innovators in an open digital world*](https://). Warum ist das FUTURE MONSTER LAB ein Ort für nachhaltige Denkweisen? Alles was gebraucht wird, retten die Teilnehmer\*innen selbständig aus alten elektronischen Geräten. Vielerorts als wertlos betrachtet, wird der so genannte Elektroschrott zur Ressource wertvoller Monsterbauteile: Kabel, Schalter, LEDs, Motoren und andere tolle Teile finden wir in kaputten Computern, Telefonen, Handys und alten Beamern, Videorekordern und Druckern. Auch Zukunftskompetenzen stehen im Fokus: Neben der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen und ihren Lösungen arbeiten die jungen Monsterentwickler\*innen in Teams. Damit sie einen Plan haben, wie ihre gemeinsamen Monster aussehen und funktionieren, gibt es nicht nur Werkzeug und Material, sondern auch Methodenhilfen, die Ideenfindung und das Arbeiten im Team unterstützen. Vor allem gibt es im Sinne des Making viel Raum, zum Ausprobieren und Tüfteln. Im Unterschied zum assoziativen, offenen Kreieren geht es auch darum, die besten Ideen zu finden, systematisch und explorativ weiterzuentwickeln und in den Monstern zu verwirklichen. Dennoch steht nicht die Perfektion im Zentrum, sondern das Erleben des Workshops als Prozess, bei dem kindliche Fantasie und Kreativität nicht eingeschränkt werden und die Ideen der Kinder reifen können. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Umwelt- und Zukunftsfragen stellt die Lebenswelt der Teilnehmenden dar. In der Zukunftswerkstatt wird gemeinsam erarbeitet, welche Entwicklungen und Veränderungen unseres Planeten, mit Blick auf Umwelt sowie Natur- und Stadtraum die Kinder beschäftigen. Es werden Zukunftsthemen gesammelt, die auch den Ängsten der Kinder Raum geben. Mit einer Ralley via Tablet können einzelne Themen wie Recycling, Plastikmüll oder Klimakatastrophe gezielt vertieft werden. Dieser Teil kann im schulischen Kontext auch an anderer Stelle beispielsweise in den Sachunterricht eingebunden werden. Als weiteres Praxisbeispiel in das Lehren und Lernen zu nachhaltigen Themen und Werten im Zentrum stehen und gleichzeitig digitalen Welten, vor allem ihre Produktionsprozesse eine Rolle spielen, ist der der [***MAKESPACE (GRUND-)SCHULE***](https://makespace.medialepfade.org/). Hier haben wir ein pädagogisches Konzept entwickelt, das eine moderne Werkstatt für digitale Fabrikation mit Lasercutter, 3D-Drucker, Stickmaschine und vielem mehr als physischen Ort und Ankerpunkt für Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts vorschlägt. In der Lernwerkstatt für pädagogisches Making (Makerspace) und moderner Medienproduktion nehmen Schülerinnen und Schüler gesellschaftliche Fragestellungen mit Hilfe von handwerklich-praktischen und kreativen Lösungswegen in den Blick. Thematische Leitlinien für die hier angeschlossen Unterrichtsprojekte sind Mitbestimmung, Kinderrechte und Nachhaltigkeit. Das Konzept wurde im Rahmen eines Modellprojekts an einer Berliner Grundschule entwickelt und ist speziell für Regelschulen in sozial benachteiligten Quartieren konzipiert. Es ist barrierearm und niedrigschwellig. Weitere Informationen, Eindrücke und Unterrichtsideen gibt es unter: https://makespace.medialepfade.org ## Fazit Um Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Unterricht zusammenzubringen und vor allem auch konsumkritische Aspekte hervorzuheben, eignen sind Upcycling-Projekte aus dem schulischen pädagogischen Making also in besonderem Maße. Der Ansatz der das „Einfach-Mal-Machen“ und „Selbermachen“ mit Hilfe digitaler Verfahren der Fabrikation und mit ersten Schritte in Coding und Programmierung, Sensorik und Robotik in die Schule holt. Making kommt aus der globalen zivilgesellschaftlich geprägten Bewegung offener Werkstätten (Makerspaces) jenseits von langwierigen und abgeschotteten industriellen Prozessen, ganz individuell Prototypen zu bauen, Lösungen zu finden, etwa zu reparieren, sich dabei auszutauschen, zu unterstützen und voneinander zu lernen, Wissen zu dokumentieren und zu teilen. Digitale Werkzeuge mit offenen unterstützenden Standards und Zugängen, sind dabei die zentrale Basis. Im Bildungskontext werden diese Grundprinzipien zum Maßstab, um einerseits digitale Technologien erfahrbar zu machen (Hardware Computing, Programmieren, Elektronik, Sensorik, Robotik) und andererseits alternative Lernsettings zu etablieren, die in der modernen digitale Werkstatt Herz, Kopf und Hand ansprechen. Gleichzeitig kann der Gedanke des Machens und dabei auch Fehler machen ein ganz zentraler Ankerpunkt sein, um Bildung für nachhaltige Entwicklung und Bildung mit und über digitale Welten voranzubringen - vor allem, wenn ein solch schulischer Makerspace als zweigeteilte moderne digitale Werkstatt konzipiert ist, in der gebaut, programmiert gestaltet und konstruiert werden kann – mit physischen Werkstoffen aber eben auch in der modernen Medienproduktionswerkstatt. Das Konzept des pädagogischen Making in Verbindung mit einer thematischen Ausrichtung auf nachhaltigen Konsum, soziale Innovationen und kreativ-kritische Medienproduktion erscheint gewissermaßen als Königsweg, um beide Querschnittsthemen ‒ Medienbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung ‒ in Schule einzubeziehen. Die Rahmenpläne zu BNE und Medienbildung leisten hier einen wichtigen Beitrag, um Unterrichts- und Schulentwicklung immer wieder zu überprüfen und mit Blick auf die zentralen Anforderungen für jungen Menschen in der Welt von morgen nachzuschärfen. Es muss Kindern und Jugendlich vor allem in der Schule ermöglicht werden, adäquate Ausdrucksformen für Zukunftsfragen und -gestaltung zu finden. Medienproduktion ist aus diesem Grunde zentraler Bestandteil des Basiscurriculums Medienbildung. Und Schule kann und sollte, im Sinne des Lernens über Medien und einer begleitenden kritischen Medienbildung, dafür Sorge tragen, dass Ausgestaltung und Verhalten sozialverträglich und verantwortungsbewusst verlaufen – etwa, dass Persönlichkeits- und Urheberrechte gewahrt werden und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als Leitlinie für die offenen digitale Gesellschaft gilt. Der vielfältige Einsatz digital-gestützter Werkzeuge in den einzelnen Fächern und Freiräumen für die kreative mediale Ausgestaltung in einzelnen Unterrichtseinheiten, kann dabei helfen, die komplexen Leitlinien kennenzulernen und Handlungsweisen einzuüben. Hier braucht es vor allem Projektarbeit, die aktive Medienarbeit oder die verschiedenen Kompetenzbereiche von Medienbildung mit den Themenfeldern der BNE verbindet. Solche Vorhaben sind zeitgemäß und vermitteln Zukunftskompetenzen. Gleichzeitig ist es möglich, mit jungen Menschen über ihre Medien ins Gespräch zu kommen und damit ihren kritisch-selbstbestimmten Gebrauch digital vernetzter Medienstrukturen zu befördern. --- ###### <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><img alt="Creative Commons Lizenzvertrag" style="border-width:0; float:left; margin:12px" src="https://i.creativecommons.org/l/by/4.0/88x31.png" /></a><br /><span xmlns:dct="http://purl.org/dc/terms/" property="dct:title">Der Artikel entstand im Rahmen einer Keynote für den Fachtag [*digitalisierung.macht.globalisierung*](https://www.epiz-berlin.de/veranstaltung/digitalisierung-macht-globalisierung). Er ist <a xmlns:cc="http://creativecommons.org/ns#" property="cc:attributionName" rel="cc:attributionURL"></a> lizenziert unter einer <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz</a> by www.medialepfade.org - Christine Kolbe. 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